Was bleibt

Mittwoch, 1. August: Das Flugzeug startet und Minuten später sehe ich Athen von oben, das Häusermeer, diese Stadt, in der ich jetzt ein Jahr lang gelebt habe. Die Strassen und Plätze im Stadtzentrum, die mir so vertraut sind, als wäre ich nie woanders gewesen, die Gebäude in denen ich ein- und ausgegangen bin und all das, was von hier oben unsichtbar ist, mir Athen aber ein Zuhause werden liess.
Die letzten Tage hier sind mir wie Sand zwischen den Fingern zerronnen. Die Stadt war sehr heiss und sehr leer, viele Athenerinnen und Athener sind über den Sommer nach Hause gefahren, auf ihre Inseln und in ihre Dörfer. Ringsherum ging alles weiter, nur ich begann nichts mehr Neues, sondern nahm Abschied und es wurde mir doch nicht recht bewusst.
Jetzt ist es soweit und plötzlich erscheint mir diese Abreise  viel zu glatt, zu einfach, ein so banales Ende einer so intensiven Zeit. Ein Jahr Leben wird in zwei, drei Koffer gepackt, schrumpft auf einen Punkt zusammen, ist plötzlich fertig und ich frage mich: Was bleibt?

Gerade heute will es mir am allerwenigsten gelingen, all das Erlebte in eine Ordnung zu bringen. Jetzt, wo ich abreise, ist in meinem Kopf ein wildes Gewirbel von Worten, Bildern, Gerüchen. Der Duft von Weihrauch und warmem Bienenwachs in halbdunkeln Kirchenräumen, die byzantinischen Gesänge. Endlose Wanderungen durch Athen bei Tag und Nacht. Thessaloniki, die Promenade am Meer, der weisse Turm, Musik in den Strassen und Ouzo auf dem Tisch. Winter in Nordgriechenland mit Schnee soweit das Auge reicht. Eichenwälder in Arkadien, weite, grüne Felder, hohe Bäume und breite Flüsse in Epirus. Ungeheizte Vorlesungsräume, in denen es bei Regen von der Decke tropft, bereichernde und ermüdende Diskussionen mit Mitstudentinnen und Professoren. Der Wochenmarkt in meinem Quartier, Berge von Früchten, Gemüse und Blumen, die Waren die angepriesen werden. Bettelnde Kinder, Obdachlose, Junkies und Krüppel. Millionen von Tauben. Graue, regnerische und dennoch wunderbare Märztage in Volos. Musik, diese Lieder, die direkt ins Herz treffen. Das tägliche Nichtwissen, wie der nächste Morgen aussieht, Hoffnung, Enttäuschung, Wut und Resignation vieler Griechinnen und Griechen. Und die Ahnung, dass ein Jahr später immer noch alles beim Alten ist. Immer wieder das Gefühl, hier dem Orient näher zu sein als Europa. Ausgelassene Feste, Lebensfreude, Gastfreundschaft. Nachts von der Dachterrasse meines Hauses hinüberschauen auf die beleuchtete Akropolis. Viele, viele Stunden auf dem Schiff, die Kykladen, merken, dass Griechenland wirklich so sein kann, wie ich es nur von Postkarten kannte. Und immer wieder Kreta: Berge, Thymian, Ziegen, Schafe, Wind und Meer.

Athen verschwindet unter den Wolken. Ich fliege von einem Zuhause zum anderen und freue mich.

Veröffentlicht unter Athen, Reisen und Ausflüge | Verschlagwortet mit , , | 7 Kommentare

Begegnung mit der Tradition

24. Juli, Chora Sfakion: Über den Bergen ist das letzte Licht des Tages vergangen, der Platz vor dem Dorfschulhaus ist hell beleuchtet, die Luft erfüllt von den Düften von Thymian und von gebratenem Lammfleisch. Auf weiss gedeckten Tischen stehen Wasser, Wein, Raki, Brot, gebratene Würste und Innereien bereit, auf der Bühne prüft der Lyraspieler ein letztes Mal den Sound, im Schulhaus wird das Essen vorbereitet. Pick-Ups fahren im Schritttempo zwischen den schon parkierten Autos hindurch vor das Eingangstor und laden ganze Familien aus, Frauen in sehr engen oder sehr flatternden Sommerkleidern, Männer mit schwarzen Hemden und imposanten Schnäuzen, Kinder und Jugendliche in Trachten. Immer mehr Gäste strömen auf den Platz, die Tische füllen sich, die ersten Flaschen werden geöffnet, das Fest kann beginnen.

Heute wird in Chora Sfakion das „Begegnung mit der Tradition“ gefeiert, ein jährlich stattfindendes Fest mit Musik, Tanz, Essen und Trinken. Der Organisator eröffnet den Abend mit einer urgriechischen Weisheit: „Wir leben in einer schwierigen Zeit, und gerade in dieser Situation ist die Tradition wichtiger als je zuvor. Nur wer seine Tradition kennt und pflegt, kann die richtigen Schritte in die Zukunft tun. Denn was gibt es heiligeres als die Tradition!“ Dieses Jahr stehen die jüngsten Mitglieder der Folkloregruppe im Mittelpunkt. Ich staune: da sind Dutzende Kinder und Jugendliche aus der ganzen Gegend, die Jüngsten gehen noch nicht zur Schule, die ältesten sind schon fast erwachsen.

Die Musik spielt in rasendem, mitreissendem Rhythmus, der mich immer an wild galoppierende Pferde erinnert. Pausen gibt es kaum, alle Stücke klingen ähnlich und doch nie ganz gleich, die Trommel lässt Gläser und Brustkorb vibrieren, die kretische Lyra schluchzt, jubelt und zwitschert, dass es mir den Atem raubt, der Sänger lässt seinen gesammelten Seelennöten freien Lauf. Auf der Bühne geben Tänzerinnen und Tänzer ihr Können zum besten, Mädchen in rotem Rock mit weisser Schürze, weisser Blouse, schwarzer, kurzer Jacke und rotem Kopftuch, Jungen mit beigen Pluderhosen, die in kniehohen schwarzen Stiefeln stecken, schwarzen Gürteln und Hemden und dem „Mantili“, einem schwarzen gehäkelten Tüchlein, das kunstvoll um den Kopf gewickelt wird. Beim Zuschauen wird mir schwindlig, es ist, als würden sich Boden und Tänzer kaum berühren, als würden sie sich wie Magnete gegenseitig abstossen. Die jungen Männer vollführen gewagte Sprünge und je höher sie springen, umso begeisterter klatschen die Gäste Beifall. Gebratenes Lammfleisch, Pilavreis und Salat werden aufgetragen, die leeren Flaschen gegen volle getauscht, Winzlinge in Trachten flitzen rufend und lachend zwischen Gästen, Tischen, und Stühlen hindurch.

Der Abend ist bereits fortgeschritten, die Tische haben sich in Schlachtfelder verwandelt, das Fest hat seinen Höhepunkt erreicht. Am Nebentisch zieht ein alter Mann seine Pistole aus dem Hosenbund und schiesst in die Luft, in dem ihm eigenen Rhythmus, anhand dessen nicht nur alle Anwesenden, sondern die ganze Gegend erkennt, wer Freudenschüsse abgibt. Er steckt die Pistole zurück in die Hose, lässt sich von einem Freund ein Wasserglas mit Wein füllen, trinkt es in einem Zug aus und lässt sich mit einem zufriedenen Lächeln wieder wieder auf seinen Stuhl sinken. Auch an anderen Tischen beginnen Männer zu schiessen, überall blitzen Mündungsfeuer auf. Jetzt greift der Organisator ein. Heute seien die Freudenschüsse nicht angebracht, erklärt er den Gästen. Vor wenigen Monaten ist ein sehr junger Mann aus der Tanzgruppe gestorben. Aus Respekt gegenüber der Trauerfamilie müssen sich die Gäste dieses Jahr beim Feiern zurückhalten.
Die Musiker beginnen wieder zu spielen, jetzt drängen auch die Gäste auf die Bühne zum Tanzen. Sogar über das Gesicht der Metzgerstochter, die sonst immer unsäglich griessgrämig ihren Laden hütet, fliegt dann und wann ein feines Lächeln.

Veröffentlicht unter kreta | Hinterlasse einen Kommentar

Anopolis

16. Juli: Einmal mehr bin ich hier an der Südküste Kretas, in dieser rauhen, wilden und doch so lieblichen Gegend, die mir seit frühester Kindheit vertraut ist und die bis vor knapp einem Jahr das einzige Griechenland war, das ich kannte. Einmal mehr haben die schroffen, steinigen Berge hinter dem Haus den Rest der Welt weggeschluckt. Seit meiner Ankunft im Dorf sind kaum vier Tage vergangen, doch das Zeitgefühl habe ich längst verloren. Tag und Nacht kommen und gehen wie die Wellen, die leise an den Strand schlagen.
Meine Freunde aus Athen, die heute angereist sind, sind zum ersten Mal auf Kreta. Wir trinken auf der Terrasse Kaffee und ich erkundige mich nach dem ersten Eindruck. „Wunderschön! Die hohen Berge, die wilden Ziegen, das Meer, die Olivenhaine!“ Was die beiden allerdings etwas befremdet, sind die zerschossenen Ortsschilder und der bärtige Kreter, der am Strassenrand seinen Karabiner zur Jagd bereitmachte.

18. Juli: In der Nacht hat Vorias, Nordwind, hat eingesetzt. Heftige Böen fegen von den Bergen herab, peitschen Land und Bäume. Was nicht niet- und nagelfest ist, fliegt davon, das Meer ist schaumbedeckt.
Wir fliehen vor dem Wetter in die Berge. Von Chora Sfakion windet sich die Strasse in Serpentinen den fast vegetationslosen Berg hinauf. Rasch gewinnen wir an Höhe. Neben der Strasse fällt der Hang steil ab, tief unter uns liegt das Meer, so blau, dass es beinahe wehtut in den Augen. Meine Freunde aus der Stadt staunen über die Kargheit der Landschaft und über die Ziegen, die in fast senkrechten Felswänden ihr Futter suchen. Hinter der Passhöhe erreichen wir die Hochebene und das Dorf Anópolis (zur Website), die Weissen Berge, durch die bis heute keine Strasse führt, sind zum Greifen nah. Zwischen den Häusern wachsen uralte Olivenbäume mit dicken, knorrigen Stämmen und hohe Nussbäume, darunter sind Gemüsegärten angelegt.
Gegen Abend treffen wir in der Taverne auf dem Dorfplatz auf Lefteris, einen langjährigen Bekannten. Der will uns sofort einen Liter Wein spendieren doch es gelingt mir, ihn umzustimmen und wir bekommen nur einen Halben. Schliesslich müssen wir später wieder lebendig hinunter ans Meer kommen. Der junge Mann hat sein ganzes Leben hier oben verbracht, wie sein Grossvater und sein Vater ist er Hirt und Käser. In der unwegsamen Einsamkeit der Berge und bei seinen Tieren ist Lefteris zuhause. Heute hat er einen dichten Bart und trägt Schwarz. Jemand aus seiner Familie muss gestorben sein. Ich sage nichts, solche Fragen sind heikel. Stattdessen höre ich zu, wie er in seinem nasalen, melodischen Singsang erzählt: vom harten Winter und dem teuren Heizöl, vom Käsen und Tricks gegen die Mäuse in den Steinhütten, von Ziehbrunnen und von den Wanderern, die er in den Sommermonaten auf den höchsten Gipfel der Weissen Berge führt. Dann bestellen wir doch noch einen Halben.

Veröffentlicht unter kreta, Reisen und Ausflüge | Verschlagwortet mit , , | Ein Kommentar

Anafi

10. Juli 2012: Weit nach Mitternacht treffen wir beim Kloster ein. Der Bus hält in der Mitte des Nirgendwo auf einer unbefestigten Strasse, wir steigen aus, zuerst ist alles dunkel, dann wird im fahlen Mondlicht ein Gebäude erkennbar. Benommen von der zehnstündigen Schiffsreise, schleppen wir die Gepäckstücke den Weg hinauf. Ein Mönch in schwarzem Gewand zündet uns mit der Taschenlampe den Weg, der Lichtkegel tanzt über Steine und Gestrüpp, Nachtwind zerrt an Haar und Kleidern.
 Hinter der schmalen Eingangstür des Klosters tauchen Bäume und Blumen auf, vor uns eröffnet sich ein grosszügiger Hof, in dessen Mitte die Kirche steht. Über die Insel spannt sich ein Sternenhimmel, der mehr Licht ist als Dunkel, mit einer Milchstrasse, die ihrem Namen  Ehre macht. Es ist windstill und vollkommen ruhig. Ich lasse mich in die Umarmung dieser Klostermauern sinken.

11. Juli 2012: Das Seminar beginnt, Theologinnen und Theologen aus ganz Griechenland und aus dem Ausland, von Erstsemestrigen bis hin zu Professoren, halten ihre Referate. Thema ist Maria Magdalena. Freude an der Sache und Herzblut sind spürbar, in den Pausen gehen die Diskussionen und Gespräche weiter.
Die Verwandten eines der Mönche sind für die Gastfreundschaft im Kloster zuständig. An sehr langen Tischen versammeln wir uns im Esssaal mit dem steinernen Gewölbe zum Mittag- und Abendessen,  Speisen und Wein sind einfach, aber unübertrefflich gut. Von klösterlicher Stille beim Essen kann keine Rede sein: Kaum hat einer der Brüder das Tischgebet gesprochen, herrscht wieder ausgelassene Stimmung.
Die Zellen, in denen wir wohnen, sind bestechend schlicht. Überflüssig ist nichts, ich fühle mich sofort wohl.
Handy-Empfang gibt es nur ganz am Rand der Anlage, auf dem Dach einer Kapelle. Abends versammelt sich hier das ganze Seminar, um SMS zu senden und zu empfangen und mit Eltern und Freunden zu telefonieren. Displays in allen Grössen leuchten blau und künstlich in die Nacht hinaus.

12. Juli 2012: Abreise. Die Sonne geht über dem Meer auf, am Horizont zeichnet sich fein und rosarot die Nachbarinsel Astipalea ab. Die wenigen, die wir heute schon abreisen müssen, steigen in den klapprigen weissen VW-Bus ein, der Mönch und sein Vater bringen uns zum Hafen. Unterwegs hält der junge Bruder plötzlich abrupt an und steigt aus. Der Vater protestiert: „Dazu ist jetzt keine Zeit!“ Aber der Mönch lässt sich nicht beirren, pflückt am Strassenrand Zweige von einer pelzblättrigen Pflanze und reicht sie mir durchs offene Fenster herein. Sofort breitet sich der würzige Duft von wildem Salbei im Auto aus.

Veröffentlicht unter Reisen und Ausflüge | Verschlagwortet mit , , , , | 3 Kommentare

Welten

Montag, 2. Juli, Athen: Die griechischen Widerstandskämpfer, Feldführer, Märtyrer, Gelehrten und Kriegshelden der vorletzten Jahrhunderte blicken mit starrem Blick ins Leere. Links und rechts des Weges stehen ihre Büsten auf Sockeln aufgereiht.

Die Hunde reissen an ihren Leinen, aber Nikitas setzt ungerührt seinen Vortrag fort. Mit missionarischem Eifer nennt er Namen, Jahreszahlen, Schlachten, Heldentaten und Hinrichtungen. Ich kann längst nicht mehr folgen und bin froh, als der letzte Marmorkopf fertigkommentiert ist. “Da siehst du, was die Griechen einst alles für ihr Land getan haben,” schliesst Nikitas. Der Tonfall gefällt mir nicht.

Es dunkelt, wir machen uns auf den Rückweg. Im Arespark sind unzählige Menschen unterwegs, Familien, Gruppen von Jugendlichen, Hundespaziererinnnen, einzelne Jogger. Griechisch wird kaum gesprochen. Hier treffen sich um diese Tageszeit vor allem Flüchtlinge aus Nordafrika und dem Nahen Osten. Manche haben unter den Bäumen ihr Nachtlager aufgeschlagen. Kinder schieben Puppenwagen, spielen Fangen oder Fussball. Frauen mit farbigen Kopftüchern lachen laut, Männer rufen und diskutieren in mir fremden Sprachen. Im Vorbeigehen fragt jemand in gebrochenem Griechisch aus dem Halbdunkel , ob ich etwas kaufen wolle, ich ignoriere das Angebot, der Dealer verschwindet wieder im Gebüsch. Nikitas schweigt, sagt dann gepresst: “Barbaren sind das, Unzivilisierte. Sie beschmutzen unser Land.” Die Atmosphäre wird eisig. “Ich wünsche jedem Griechen, der gezwungen ist, auszuwandern, dass er mit mehr Wohlwollen und Verständnis aufgenommen wird, als du diesen Menschen entgegenbringst.”  – “Sie haben hier nichts zu suchen!” Schweigen. Ich sollte jetzt noch etwas sagen, aber weiss, dass jede Diskussion zwecklos ist. Beim nächsten Ausgang aus dem Park verabschiede ich mich und gehe.

Veröffentlicht unter Athen | Hinterlasse einen Kommentar

Insellieder

Μεσ’ του Αιγαίου τα νησιά (Γλυκερία)

 

Έλα να πάμε σ’ ένα μέρος (Γλυκερία)

 

Κίμωλο παράδεισό μου

Veröffentlicht unter Musik | Verschlagwortet mit , , | Hinterlasse einen Kommentar

Kimolos

Freitag, 22. Juni: Die Kykladen-Schiffsreise geht weiter. Fast einen ganzen Tag sind wir unterwegs, ringsherum immer Inseln, Paros, Naxos, Ios, Sikinos, Folegandros und andere mehr, die meisten sehr karg und kahl, mit verstreuten blau-weissen Dörfern.
Die Häfen, an denen wir unterwegs anlegen, werden von Insel zu Insel bescheidener. Ein paar Passagiere steigen aus, ein paar kommen an Bord, kleine alte Lastwagen fahren ins Innere der Fähre und beladen mit Tomaten, Pfirsichen, Kartoffeln und Zwiebeln wieder hinaus.
Ein Matrose springt auf seiner Heimatinsel an Land, umarmt Verwandte und Freunde, es reicht für ein fünfminütiges Wiedersehen, dann ist das Schiff schon wieder abfahrtbereit, er steigt ein, winkt, die Klappe wird hochgezogen, wir sind wieder auf dem Meer.

Sonntag, 24. Juni, Kimolos: Die Zikaden singen, jetzt ist wirklich Sommer. Im Kafenion “Kalí Kardiá” sitzen zu fast jeder Tageszeit weisshaarige Männer an den kleinen Tischen, trinken Kaffee, Raki und Tsipouro, oft schweigen alle mit der ihnen eigenen Seelenruhe, mal spricht einer und die übrigen hören zu, manchmal reden auch alle gleichzeitig, immer wird ganz genau beobachtet, wer kommt und geht. Anders als in den meisten Kaffeehäusern üblich, sind hier auch Frauen willkommene Gäste. Ob Einheimische oder Besucher, irgendwann landen alle im Kafenion, dem Herzen des Orts. Wer sich hier an einen Tisch setzt, darf sich zuhause fühlen.

Das Chorió ist schlicht das Dorf der Insel und ein wahres Labyrinth. Rings um die mittelalterliche Festung sind liebliche, dicht aneinandergebaute weisse Häuser und Häuschen mit niedrigen, farbig gestrichenen Türen und kleinen Fenstern angelegt, dazwischen Treppen, Stufen, verwinkelte Gassen, Blumengärten und Bogengänge. Abgesehen davon, dass es allein im Dorf zwölf (!) Kirchen gibt, ist hier nichts grösser als nötig, aber alles Nötige vorhanden. Neben Post, Apotheke, Bäckereien, Arztpraxis, einigen Läden und zwei Reisebüros ist in einem der blauweissen Häuschen auch eine winzige Polizeistation eingerichtet.

Jetzt, im Sommer, wo auch die ausgewanderten Kimoloten auf ihre Insel zurückkommen, lebt der kleine Ort. Am Morgen in der Liturgie ist die Kirche voll, Gemeinde und Psalmisten singen gemeinsam, Klangfäden durchspinnen den ganzen Kirchenraum wie ein dichtes Gewebe. Mutter, Tante, Grossvater und der Priester versuchen, einem schreienden Kleinkind die Eucharistie zu verabreichen, doch es wehrt sich erfolgreich gegen den Löffel. Abends düsen Kinder auf Fahrrädern durch die Gassen, Eltern und Alte sitzen auf Treppen und Plätzen zusammen, ab und zu rauscht ein Windstoss über die Dächer, Grillen zirpen, die Insel ist die Welt.

Beim Essen kommen wir ins Gespräch mit zwei älteren Herren am Nebentisch. Die Beziehung zur grösseren und viel bekannten Nachbarinsel Milos ist offenbar nicht immer ganz einfach: “Die da drüben halten uns für ein wenig zurückgeblieben, weil wir noch auf Eseln ritten, als sie schon Auto fuhren…” Aber die sympathischen Bewohner von Kimolos haben ein gesundes Selbstbewusstsein: “Wir haben natürlich kein Problem mit ihnen! Milos ist sogar recht schön. Also… sagen wir, es ist gut für einen Tagesausflug geeignet.”

Links zu Kimolos: http://www.kimolos.gr/index.phphttp://www.kimolos-island.com/

Sonntag, 1. Juli, Athen: In der Nacht träume ich vom geraden Horizont und sehe die Silhouetten der Inseln vor mir. Seit vorgestern bin ich wieder in der Stadt, träge brütet sie unter der Sonne vor sich hin. Nach zwei Inselwochen fällt die Rückkehr schwer. Was mir vorher vertraut und selbstverständlich war, wirkt jetzt befremdlich. Ohrenbetäubend scheint mir der Verkehr in den Strassen, die  vollgestopften Busse, der Asphalt, die hohen Häuser kommen mir menschenunwürdig vor, die traurigen Gestalten der Obdachlosen und Drogenabhängigen erschrecken mich als sähe ich sie zum ersten Mal.
Nach dem Mittag spaziere ich durch Exarcheia heimzu. Wenige Strassen von meiner Haustür entfernt kommen mir plötzlich dreissig, vierzig Pakistani entgegen, eilig, gehetzt, teilweise mit Stöcken bewaffnet ziehen sie in Richtung Polytechnion. Wer hinter ihnen her ist, kann ich nicht erkennen, schaue, dass ich nach Hause komme.
Nach all diesen Monaten in Athen denke ich zum ersten Mal: Diese Stadt macht mich müde.

Veröffentlicht unter Athen, Reisen und Ausflüge | Verschlagwortet mit , , , , | 4 Kommentare